Wie kam es
nun zur Novemberrevolution?
Seit der Marneschlacht
standen sich im Westen die Heere der Deutschen und der Entente im Stellungskrieg
gegenüber. Die deutschen Heere hielten aus, trotzdem Deutschland wegen des Boykotts der
Entente an Nahrungsmitteln und Rohstoffen bittere Not litt und auf unzureichenden Ersatz
angewiesen war. In den weitesten Kreisen des deutschen Volkes herrschte das Gefühl, daß
es, wie August Bebel im Jahre 1913 im Haushaltsausschuss des deutschen Reichstags gesagt
hatte, um Sein und Nichtsein Deutschlands ging. Die Entbehrungen waren unmenschlich. Wenn
Deutschland damals wirkliche Staatsmänner an seiner Spitze gehabt hätte, so hätte das
Ziel ihrer Politik sein müssen, in den Ländern der Entente den Zusammenbruch der
Stimmung der Massen zu fördern. In Frankreich und Italien war 1917 zeitweise die Stimmung
sehr gedrückt. Es fanden dort Meutereien von einem Umfang statt, wie sie das deutsche
Heer nie gekannt hat. Aber die deutschen Reichskanzler und ihre nachgeordneten
Staatssekretäre waren gegen militärische Halbgötter ohnmächtig, die weder die Grenzen
der deutschen Kraft, noch das Ausmaß der durch den Beitritt der Vereinigten Staaten von
Amerika gestärkten Kraft der Kriegsgegner richtig einschätzten. Die deutschen Militärs
mit Ludendorff an der Spitze wollten Belgien dauernd unter deutscher Oberhoheit halten, im
Osten das Baltenland annektieren und außerdem die Kriegskosten ersetzt haben. Deshalb
wurde das "Gottesgeschenk" der russischen Märzrevolution deutscherseits nicht
ausgenützt. Hätte damals ein deutscher Reichskanzler offen und ehrlich erklärt, dass
Deutschland im Osten zu einem Frieden ohne Annektionen und ohne Kontributionen bereit sei,
hätte er den Einwohnern Russlands wirklich das Recht auf Selbstbestimmung gelassen, so
hätte das in Frankreich, Belgien und Italien, wo die Massen auch kriegsmüde waren, die
stärkste propagandistische Wirkung haben müssen. So ging der Krieg im Westen wie im
Osten weiter.
Seit dem Ausbruch der
russischen Revolution mehrten sich die Stimmen derer, die bei Fortdauer des Weltkrieges
über Jahr und Tag auch eine deutsche Revolution für möglich hielten. Die Vorbedingungen
für eine Revolution erfüllten sich aber erst, als die Karte des U-Boot-Krieges nicht
stach. Für diesen Fall hatte Helfferich Deutschlands Sturz vorausgesagt. Und als am 8.
August 1918 die deutschen Truppen bei Albert durch die Engländer eine schwere Niederlage
erlitten, kam der Wendepunkt. Die Tanks der Entente hatten wesentlich zu dieser Niederlage
beigetragen. Durch die Anwendung der Tanks wurde im Westen zum erstenmal die Moral der
deutschen Truppen aufs schwerste erschüttert. Mit der Augustniederlage war das ganze
System des ewigen Wartens auf militärische Erfolge ins Wanken geraten. Jetzt wusste alle
Welt, dass der preußische Militarismus seinen letzten Waffengang antreten würde.
An der Spitze des deutschen
Reiches stand damals Graf Hertling, ein hilfloser Greis. Wilhelm II. hatte seine
"Handlanger" bisher immer gewählt, ohne den Reichstag zu fragen, wozu ihn die
Halbabsolutistische Verfassung von 1871 berechtigte. Vor Ernennung Hertlings hatte er zum
erstenmal die "Gnade" gehabt, mit den Reichstagsparteien Fühlung nehmen zu
lassen. Von Kühlmann, der Staatssekretär des Auswärtigen, betrieb die Kandidatur des
Grafen Hertling mit der Behauptung, dass der Kaiser die Fühlung mit dem Parlament für
untauglich halten würde, wenn die Parteien Hertling ablehnen würden, in dessen Person
ein Führer der Zentrumspartei berufen würde. Graf Hertling stand auf dem rechten Flügel
des Zentrums. Um die Bedenken der Sozialdemokratie und der Freisinnigen zu zerstreuen,
wurde neben ihm der Schwabe Friedrich Payer als Vizekanzler in die Regierung berufen. Graf
Hertling musste schon am 9. Juli 1918 den Schmerz erleben, dass die Oberste Heeresleitung
Herrn von Kühlmann stürzte, weil er im Reichstag wahrheitsgemäß gesagt hatte, dass
militärische Entscheidungen allein den Krieg nicht mehr beenden würden. Das hatte ihn
übrigens vorher die Oberste Heeresleitung selbst als geheime Information wissen lassen.
Im September sah endlich jedermann ein, dass der "Fünfminutenbrenner" auf dem
Kanzlerstuhle nicht mehr länger zu halten war. Prinz Max von Baden zog als letzter
Kanzler des Kaisers in die Wilhelmstraße ein.
Der Prinz war militärisch
nicht belastet. Im Kriege war er hauptsächlich in der Gefangenenfürsorge tätig gewesen.
Er war unzweifelhaft guten Willens. Aber selbst wenn er mehr Kraft besessen hätte als ihm
eigen war, wäre es für den Abschluss eines Verständigungsfriedens, wie ihn die
Sozialdemokratie immer verlangt hatte, zu spät gewesen. Prinz Max glaubte noch, als er
das Amt übernahm, an die Möglichkeit einer moralischen Offensive für einen halbwegs
günstigen Frieden und an die Möglichkeit einer Fortsetzung des Krieges im Falle der
Verweigerung eines solchen. Er war zur Annahme des Kanzleramtes nur bereit, wenn die
Sozialdemokratie Parlamentarier für die Reichsregierung zur Verfügung stellte. Vor einer
Berufung hat er Ebert diese Bedingung gestellt.
Die Reichsfraktion und der
Parteiausschuss der deutschen Sozialdemokratie hatten am 23. September 1918 in einer
gemeinsamen Sitzung im Reichstagsgebäude in getrennter Abstimmung mit 55 gegen 10 bzw. 25
gegen 11 Stimmen grundsätzlich beschlossen, den Eintritt in eine etwa neu zu bildende
Reichsregierung unter einer Reihe formulierter Bedingungen zu billigen.
Seite 2 - Die Novemberrevolution * Kapitel I - Die Ursachen der Revolution