Dass die Hohenzollern abdanken
mussten, konnte man nun auf allen Gassen hören, oft zugleich mit der bangen Frage: Wird
mit dem Sturz der Dynastie auch das Reich in Stücke gehen? Wer die Reichstagssitzungen
vom 23. und 24. Oktober 1919 miterlebt hat, wird nie vergessen, wie in offener Sitzung der
Pole Stychl, der Elsässer Ricklin, der Däne Hansen dem Reiche die Kündigung
aussprachen. War das der Anfang vom Ende des deutschen Reiches? Hier verlangten deutsche
Reichstagsabgeordnete im Namen ihrer Wähler das Recht zur Selbstbestimmung. Das konnte
ihnen niemand wehren. Aber es war ein Gradmesser für die Erkenntnis der Ohnmacht des
Reiches. Wir sahen die Gefahr völligen Reichszerfalls zum ersten mal deutlich vor Augen.
Das verursachte Herzschmerzen.
Die Sorge, dass dieser
Krieg zwecklos noch weiter verlängert werden könnte, hatte in jenen Tagen die
sozialdemokratischen Frauen Berlins veranlasst, eine Deputation an den Parteivorstand zu
senden. Als Clara Bohm-Schuh, Enni Stock und Wally Zepler auf unserem Büro in der
Lindenstraße erschienen, um das bittere Herzeleid der Mütter, Frauen, Bräute und
Schwestern der Kriegsteilnehmer beredt zu schildern, konnte ich sie beruhigen. Der
Sprachgewalt eines Léon Gambetta wäre es nach viereinhalbjährigen Kriege auch
nicht gelungen, den Landsturm eines allerletzten Aufgebots zum Kampfe gegen die
Tankgeschwader der Entente zu begeistern.
Am 7. Oktober 1918 hatte
Walter Rathenau in der "Vossischen Zeitung" die "Levée en masse",
"das letzte Aufgebot" verlangt. Ludendorff, der wieder Mut gefasst hatte,
dichtete in der Sitzung des Kriegskabinetts vom 17. Oktober der Sozialdemokratie die Macht
an, das Volk noch packen und hochreißen zu können: Kann das nicht Herr Ebert
tun? Es muss gelingen!
Die Antwort erhielt
Ludendorff in dem am 18 Oktober 1918 im "Vorwärts" veröffentlichten Aufruf des
sozialdemokratischen Parteivorstandes. Die Partei wusste, dass bei einer militärischen
Kapitulation dem deutschen Volke schwerste Lasten auferlegt werden würden. In dem Aufruf
des Parteivorstandes hieß es u. a.:
Deutschland und das deutsche Volk ist in Gefahr, das Opfer der Eroberungssucht
englisch-französischer Chauvinisten und Eroberungspolitiker zu werden.
Scharf sprach sich der
Aufruf gegen die Kriegsgewinnler und die chauvinistischen Demagogen der Vaterlandspartei
aus, aber ebenso entschieden auch gegen die unverantwortlichen Treibereien
bolschewistischer Apostel, die die Herbeiführung des Friedens und der Demokratisierung
erschwerten und die Gefahr des Bürgerkrieges und des wirtschaftlichen Chaos
heraufbeschworen, wodurch Not und Elend nur gesteigert und die Eroberungsgier unserer
Kriegsgegner nur angereizt werden konnte.
Darüber hinaus lag es
nicht in der Macht der Sozialdemokratie, die Massen des Volkes zu neuen großen
Kraftanstrengungen aufzupeitschen, weil diese einfach nicht mehr geleistet werden konnten.
Die deutsche Volkskraft war fast bis zum Weißbluten vergeudet.
Walter Rathenaus Aufruf
konnte nicht mehr zünden. Er selbst sah Deutschlands Lage zu klar, um das zu erwarten.
Der Aufruf löste offenen Widerspruch auch im Lager der Intellektuellen aus. Fritz von
Unruh sandte aus Zürich dem Prinzen Max eine Aufzeichnung, in der er ihm
auseinandersetzte, es sei sündhaft und rückfällig, jetzt noch an eine
Volkserhebung zu denken. Hingegen sprang am 22. Oktober Richard Dehmel in einem
Aufruf "Letzte Rettung" Rathenau bei. Ihm gab, den Massen der Frauen aus dem
Herzen sprechend, am 28. Oktober Käthe Kollwitz die treffende Antwort: Saatfrüchte
sollen nicht vermahlen werden... es ist genug gestorben, keiner darf mehr fallen.
Nicht nur die
sozialdemokratischen Frauen rührten sich in jenen Tagen. Bürgerliche und
sozialdemokratische Frauen hielten am 4. November 1918 in Berlin in den Sophiensälen eine
gemeinsame Kundgebung für die Einführung des Frauenwahlrechts ab. Marie Juchacz, Rosa
Kempf. Marie Stritt, Clara Bohm-Schuch, Minna Cauer und Regina Deutsch referierten. Nach
ihnen sprachen Vertreter der politischen Parteien und verschiedene Organisationen für das
Frauenwahlrecht. Nach Konrad Haenisch, Paul Hirsch, Heinrich Schulz und dem Freisinnigen
Sivkowitsch sprach ich für den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei. Meine Vorredner
hatten mir alle schönen Argumente für die Einführung des Frauenwahlrechts weggenommen.,
und so sagte ich einfach nach wenigen einleitenden Sätzen: Wahrlich, es werden
wenige in diesem Saale sein, die den Sieg des Frauenstimmrechts in Deutschland nicht
erleben werden. Es wird mir unvergesslich sein, wie Minna Cauer, die greise
Vorkämpferin für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Frauen, mir nachher
sagte: Das wahren Worte der Hoffnung, aber ich weiß nicht, ob ich das noch
erleben werde. Schon wenige Wochen später wurde das Frauenwahlrecht in
Deutschland durch die Volksbeauftragten eingeführt.
Die "Unabhängige
Sozialdemokratie" hatte bereits am 5. Oktober in ihrer Presse und gleichzeitig in
Flugblattform in Massen einen Aufruf verbreitet "An das werktätige Volk", in
dem es nach Aufzählung von Forderungen, die die Beendigung des Krieges und die
Wiederherstellung der bürgerlichen Freiheiten betrafen, hieß: Unser Ziel ist
die sozialistische Republik. Sie allein ermöglicht es, die Welt von den Verwüstungen des
Krieges zu erlösen. Dieses Ziel war international aufgestellt.: Tiefe
Umwälzungen gehen in allen Staaten vor sich. Die Welt erhält ein völlig anderes
Antlitz.
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Novemberrevolution * Kapitel I - Die Ursachen der Revolution