Die Oberste
Heeresleitung gab dem Prinzen Max keine Zeit mehr, um eine Friedensoffensive
vorzubereiten, sondern sie verlangte am 1. Oktober sofort nach Bildung einer neuen
Regierung die Übersendung eines Waffenstillstandsangebots. Die Oberste Heeresleitung
fürchtet damals im Westen einen Durchbruch und als Folge die Aufrollung der ganzen Front.
Wenn es zunächst dazu auch nicht kam, so war doch die völlige militärische Niederlage
nur noch eine Frage der Zeit. Dazu kam der Abfall der Verbündeten Deutschlands, der am
26. September 1918 durch die Friedensforderung Bulgariens eingeleitet wurde. Ich erinnere
mich genau, wie im Reichshaushaltsausschuss des Reichstags Graf Westarp am Vormittag für
die Konservativen noch den starken Mann markiert, aber am Nachmittag einen wesentlichen
Teil seiner Courage eingebüßt hatte, nachdem die Parteiführer über die militärische
Lage nach dem Abfall Bulgariens informiert worden waren. Nach dem weiteren Abfall der
Türkei und Österreich-Ungarns hatte die Entente den Sieg sicher in der Tasche. An einer
Fortführung des Kampfes, auch nur bis zum Jahresende, konnten nur Wahnsinnige denken.
Wer zu behaupten wagt, dass
die Fugblätter des Spartakusbundes den Krieg entschieden hätten, macht sich ebenso
lächerlich wie derjenige, der glaubt, dass die deutsche Revolution mit dem Gelde der
Bolschewisten gemacht worden sei, für das Emil Barth Revolver kaufte und Flugblätter
drucken ließ. Übrigens würde das letztere, wenn es wahr wäre, schwere Schuld auf die
Oberste Heeresleitung wälzen, denn mit Genehmigung Ludendorffs sind Lenin, Sinowjew und
andere Bolschewisten 1917 im plombierten Wagen durch Deutschland gefahren, damit sie beim
"Weitertreiben" der russischen Revolution dabei sein konnten.
Wir
Mehrheitssozialdemokraten hatten vor der Revolution keine Beziehungen zur Russischen
Botschaft. Wir haben Herrn Joffe und sein Personal stets richtig eingeschätzt. Als eine
Beihilfe der Russischen Botschaft bei der Herstellung und Verbreitung illegaler
Flugblätter vermutet wurde, ohne dass der Beweis angetreten werden konnte, machte
Scheidemann den Vorschlag, einmal eine Kuriekiste ordentlich zu stürzen. Das wurde am 4.
November 1918 auf dem Bahnhof Friedrichstraße probiert. Die Kiste platzte und prompt kam
in deutscher Sprache gedruckte illegale Literatur zum Vorschein. Wie das nach dem
geltenden Völkerrecht Brauch ist, wurden Herrn Joffe und seinem Personal die Pässe
zugestellt. Am 6. November 1918 reiste das Personal der Botschaft nach Moskau ab, nachdem
Herr Joffe noch am Abend des 5. November dem juristischen Beistand der russischen
Botschaft, dem Rechtsanwalt Oskar Cohn, Geld "zur Förderung der Revolution"
übergeben hatte. Oskar Cohn nahm das russische Regierungsgeld ruhig an, weil es nach
seiner Auffassung das Geld einer gleich der Unabhängigen Sozialdemokratie auf der
Zimmerwalder Konferenz vertreten gewesenen Bruderpartei war! Er hatte auch keine Bedenken,
wegen des Zweckes: den Gedanken der Revolution in Deutschland zu verbreiten.
Festgestellt muss werden,
dass Oskar Cohn sich mit der Annahme dieses Geldes in Gegensatz zu der Haltung der
Unabhängigen Sozialdemokratie gesetzt hatte, die nach einer am 10. November 1918
veröffentlichten Erklärung ihres Parteivorstandes schon Monate vorher beschlossen hatte,
Gelder, die aus russischen Quellen herrühren könnten, zurückzuweisen. Zur Begründung
wurde ausgeführt, dass aus fremden Staaten stammende Geldmittel nicht in den Dienst der
Parteipropaganda gestellt werden sollten. Dass das russische Geld nicht Parteigeld,
sondern Regierungsgeld war, konnte nicht zweifelhaft sein.
Wir Führer der
Mehrheitssozialdemokratie haben die Kreise stets mit allen Mitteln bekämpft, die unter
völliger Verkennung der wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten Deutschlands den
Bolschewismus nach Deutschland verpflanzen wollten. Daraus entstand die Legende, dass wir
bis in die Novembertage hinein überhaupt jeder revolutionären Bewegung feindlich gesinnt
gewesen seien. Wir wussten allerdings, dass Revolution nicht gemacht werden. Wir hatten
das Wort Ferdinand Lassalles nicht vergessen: Eine Revolution machen wollen, ist
eine Torheit unreifer Menschen, die von den Gesetzen der Geschichte keine Ahnung
haben.
Das galt ganz besonders
für die Novemberrevolution, die sich nicht aus den gesellschaftlichen Zuständen normal
entwickelte, sondern ein Kriegskind war. Vom Oktober 1918 ab war sicher, dass der Ausbruch
der Revolution kam. Fraglich war nur, wo zuerst und an welchem Tage die Gewalt des Krieges
in die Gewalt der Revolution umschlug. Der sozialdemokratische Parteivorstand hatte seit
dem Januarstreik von 1918 eine enge Fühlung mit den Vertrauensleuten der Partei in den
Berliner Großbetrieben hergestellt. Er war infolgedessen über die wirkliche Stimmung
unter den Berliner Arbeitern genau unterricht
Und wie in Berlin, so
draußen. Für den 12. und 13. Oktober 1918 wurde ich von dem Landesvorstand der
bayrischen Sozialdemokratie nach München gerufen, um an Stelle des in der Schweiz
erkrankten Genossen Adolf Müller auf dem 14. Parteitag der bayrischen Sozialdemokratie
das Referat über die "Reichs- und Auslandspolitik" zu halten.
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Novemberrevolution * Kapitel I - Die Ursachen der Revolution