Diese
betrafen vor allem: Uneingeschränktes Bekenntnis zur Friedensresolution vom 19. Juli
1917, Erklärung der Bereitschaft zum Eintritt in einen Völkerbund, der für alle
Streitigkeiten zuständig sein und auf der allgemeinen Abrüstung beruhen sollte,
vollkommen einwandfreie Erklärung über die Wiederherstellung Belgiens und Verständigung
über dessen Entschädigung, das gleiche für Serbien und Montenegro, Erklärung , dass
die Friedensschlüsse von Brest-Litowsk und Bukarest kein Friedenshindernis für den
allgemeinen Friedensschluss sein dürften, sofortige Einführung der Zivilverwaltung in
allen besetzten Gebieten, Freigabe der besetzten Länder bei Friedenschluss, Autonomie
für Elsass-Lothringen, allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht für alle
deutschen Bundesstaaten, Auflösung des Preußischen Landtags, wenn das Herrenhaus der
Wahlrechtsänderung nicht unverzüglich zustimmen sollte, Einheitlichkeit der
Reichsleitung, Ausschaltung unverantwortlicher Nebenregierungen, Einführung der
parlamentarischen Regierung im Reiche, Wiederherstellung der bürgerlichen Freiheiten
(Aufhebung der Zensur, der Versammlungsbeschränkungen usw.)
Dem Beschlusse war eine
Debatte vorausgegangen, in der das Misstrauen gegen die Durchsetzung dieser Forderungen
stark zum Ausdruck kam, denn Michaelis und Graf Hertling, die beiden Vorgänger des
Prinzen Max, hatten ein hinterhältiges Spiel getrieben. Ein von Beims, Löbe und
Landsberg gestellter Antrag: "Die vom Vorstand in Aussicht genommenen Bedingungen
genügen der Fraktion nicht für eine Beteiligung der Sozialdemokratie an der
Regierung" war durch die Beschlussfassung gegenstandslos geworden. Wenn schließlich
trotz schärfster kritischer Einstellung die grundsätzliche Bereitwilligung zum Eintritt
in die Regierung mit solcher Mehrheit beschlossen wurde, so war dafür weniger die
Notwendigkeit der Mitwirkung der Partei bei der Demokratisierung des Reichs und der
Bundesstaaten maßgebend, als die Meinung, dass ohne Eintritt der Partei in die Regierung
nicht die notwendige Vorbereitungsarbeit zur Herbeiführung eines baldigen Friedens
gesichert wäre.
Vor der Abstimmung hatte
Ebert in der ihm eigenen klaren Weise nochmals das ganze Problem aufgerollt und auf die
große Verantwortung aller Beteiligten hingewiesen.
Er sagte, dass es keine
Genossen gäbe, die den Eintritt in die Regierung nicht erwarten könnten: Sie
dürfen niemanden von uns für einen solchen Esel halten, dass er nicht sagt: Ich danke
meinem Schöpfer, wenn dieser Kelch an mir vorübergeht. Aber das sind persönliche
Auffassungen, die nicht in Betracht kommen, wenn das Interesse der Partei, der
Arbeiterklasse und des Landes auf dem Spiel steht.
Auch ich gehörte zu den
Anhängern des Vorschlags des Vorstandes. Ich war, von Ebert zurückgerufen, erst am Abend
des 23. September aus Bayern nach Berlin zurückgekehrt und hatte an den Vorbereitungen
nicht teilgenommen. Was ich aber gerade in Bayern über die Kriegsmüdigkeit aller Kreise
der Bevölkerung erfahren hatte, zeigte mir, dass Deutschland schleunigst Frieden
brauchte.
Vom 23. September bis
Anfang Oktober hatte sich die Lage Deutschlands weiter so verschlechtert, dass
Scheidemann, der in der Sitzung vom 23. September als Referent unter der Voraussetzung der
Bewilligung unserer Bedingungen für den Eintritt in die Regierung gesprochen hatte, nun
die schwersten Bedenken hatte und deshalb zunächst persönlich den Eintritt in die
Regierung ablehnte. Ebert vertrat die Notwendigkeit des Eintritts Scheidemanns aber so
überzeugend, dass dieser schließlich zustimmte. Die Regierung wurde sodann aus den drei
Parteien gebildet, die später die Koalition von Weimar eingingen. An die Spitze des vom
Reichsamt des Innern abgezweigten Reichsarbeitsamtes trat Gustav Bauer, der bis dahin
neben Karl Legien Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands war.
Das Reichsamt des Innern übernahm der Kölner Zentrumsführer Karl Trimborn, der als
echter Rheinländer die Gabe hatte, auch in der schlimmsten Zeit den Humor nicht ganz zu
verlieren. Neben Scheidemann wurden Erzberger und Gröber vom Zentrum Staatssekretäre
ohne Portefeuille. Am 14. Oktober wurde noch Conrad Haußmann als solcher bestellt. Die
Freisinnigen waren bis dahin nur durch Herrn von Payer in der Regierung vertreten.
So war denn der Eintritt
der Sozialdemokratie in die Reichsregierung Tatsache geworden. Mir erschien er
unerlässlich, weil auf Wilsons Erklärungen die Probe gemacht werden musste. Wie sollte
denn ohne Beteiligung der Sozialdemokratie in Deutschland überhaupt eine parlamentarische
Regierung gebildet werden? Gewiss fiel uns diese Entscheidung schwer. Es war ein gewagtes
Spiel. Manch einer fürchtete, wie Otto Wels damals sagte, dass die Sozialdemokratie
vielleicht mit in die Konkursmasse des Kaiserreichs gezogen werden könnte.
Immerhin ist es fraglich,
ob die Mehrheit des sozialdemokratischen Parteivorstandes, des Parteiausschusses und der
Reichtagsfraktion ihre Zustimmung zum Eintritt in das Kabinett des Prinzen Max gegeben
hätten, wenn sie gewusst hätten, wie hoffungslos die militärische Lage Deutschlands
Ende September 1918 bereits war.
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Novemberrevolution * Kapitel I - Die Ursachen der Revolution